Lyrik Lounge

Hörbeispiele
Eugen Roth: "Ein Mensch …" - Gedichte

Markenzeichen regieren unsere Konsumwelt. Umso merkwürdiger, dass es einem Dichter – einem Menschen, der in wohl aller Wahrnehmung an einem dem profanen Konsum entgegen gesetzten Ende der Welt tätig ist – so souverän gelungen ist, seiner Dichtung ein Markenzeichen aufzuprägen, das jeden, der nur irgendeines seiner Gedichte kennt, ihn sofort ein weiteres als von ihm geschaffen wieder erkennen lässt. Ein Gedicht, das mit den Worten „Ein Mensch“ beginnt, kann nur eines von Eugen Roth sein. Und so leicht es dadurch wäre, ihn zu plagiieren, ist dieses Markenzeichen doch von größter Einfachheit, ja fast schon trivial und jedermann zugänglich und gebrauchbar, so schwer wäre es, diesen beiden einleitenden Worten das folgen zu lassen, was ihm so scheinbar mühelos gelang: eine – immer sehr verschieden lange – gereimte Kurzgeschichte eines arche-typischen Scheiterns dieses „einen Menschen“ an seiner Lebensbefindlichkeit, im Großen oder Kleinen, Alltäglichen oder Prinzipiellen, vom Philosophischen bis ins Banal-Harlekineske reichend, kurz: „Ein Mensch“ ist der Dichter oder sein Leser, ja selbst sein Nicht-Leser, einfach jeder, nicht aber: alle, sondern jeder für sich allein.

Dazu passt, dass dieser Dichter des „jeder für sich allein“ nur mit einer schmalen Biographie im öffentlichen Bewusstsein aufgeführt wird. Geboren vor 1900 in München, Teilnehmer des ersten Weltkriegs, den er schwer verletzt überlebte, danach Kulturredakteur in München, unter dem Einfluss der Nazis entlassen (ein Ehrenzeichen, das so mancher mit ihm teilte), nach dem Krieg nach und nach verstummend, Mitte der siebziger Jahre verstorben – nicht ganz, aber fast vergessen. (Die einzige Schule, die man nach ihm benannt hat, liegt bezeichnenderweise in einem nicht besonders angesehenen Teil Berlins.) Man möchte seinen ungefähren Altersgenossen Erich Kästner (mit dem er auch den spielerischen, Worte jonglierenden und lakonischen Tonfall teilt) mit ihm in manchem vergleichen. Man hat ihn bajuwarisch genannt in seiner Unerschütterlichkeit – und damit Unrecht gehabt. Denn unerschütterlich war er nicht, das lässt sich nicht herauslesen aus seinen Gedichten, eher so etwas wie sublimierte Verzweiflung. Der Gang der Dinge behagte ihm nicht und das einzige, was ihm half, diesen Gang zu ertragen, ist genau das, was er uns vermittelt: Humor – und ein zuweilen grimmiger. Wenn man ihm eine Genealogie zuschreiben will, so sei sein Vater Wilhelm Busch, sein – politischer gesinnterer  - Bruder also Erich Kästner. Einen Sohn hätte er uns danach nicht hinterlassen, er, der vielleicht doch eine menschlich singuläre Erscheinung war, auf die Welt gekommen, um zu resümieren:

Ein Mensch erblickt das Licht der Welt -
doch oft hat sich herausgestellt
nach manchem trüb verbrachten Jahr,
dass dies der einzige Lichtblick war.
   


Rainer Maria Rilke - Gedichte

Rilke ist in. Das hat seinen Grund in der unglaublichen Qualität seiner Gedichte. Er war in der Lage mehr zu sehen als andere und dieses mehr Sehen mit Präzision und Treffsicherheit in Worte zu kleiden. An genau diesen Attributen muss auch der Vortrag seiner Gedichte gemessen werden. Das Wort steht für sich – ebenso wie Musik nicht des Wortes bedarf, um für sich zu stehen. Liedvertonung als Ausnahme entführt die Wahrnehmung des Worts auf eine andere Ebene. An diesem Abend wird aus diesen Überlegungen die Konsequenz gezogen: der Vortrag der Gedichte wechselt mit Darbietungen des Solo – Cellos, der vox humana unter den traditionellen Orchesterinstrumenten. Die Musik kommentiert den Text nicht, sondern bietet dem Hörer – obwohl über denselben Sinneskanal aufgenommen – Stimulation anderer Teile des (Unter-) Bewusstseins und auch Entspannung von der Hörkonzentration auf die Gedichte. Weder Text noch Musik geraten so zu einem wohlfeilen Rahmen oder einer Schablone für einander, sondern stehen gleichberechtigt, gewissermaßen in berichtigtem Stolz nebeneinander.



Die Künstler:

Johanna Schubert, geboren in der Nähe von Würzburg, lernte ihre Bühnenkunst am Max Reinhardt Seminar in Wien. Freie und feste Engagements am Theater, bei Film und Fernsehen, u. a. in Dortmund, Köln, Berlin, München, Karlsruhe, Würzburg. Ausbildung und Erfahrung auch auf nahezu allen Gebieten der Sprechens: von Nachrichten und Radio-Moderation über Synchronisation bis zur Rezitation. Lebt als freie Schauspielerin in München.

Hanno Simons, geboren in München, begann mit sechs Jahren Cello zu spielen, studierte an den Musikhochschulen München und Karlsruhe. Seit 1996 Mitglied des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Teilnahme an zahlreichen Meisterkursen, Preise bei mehreren nationalen und internationalen Wettbewerben.

Text: Walter Mischo